Ragmans “Wrecking Ball” Rezension

Das Album ist auffällig zweigeteilt: die erste Hälfte erzählt davon, wie unterschiedliche Charaktere/Menschen mit der Krise umgehen und sie interpretieren, die zweite Hälfte ist sehr spirituell, die die aktuellen Ereignisse, auf denen die erste Hälfte basiert, in einen allgemeineren Zusammenhang stellt.

We Take Care Of Our Own dient als Einleitung, es stellt die Folgen der Wirtschafts- und Bankenkrise in Kontext zu den Idealen, auf denen Amerika sich gegründet hat, die aber in schöner Regelmäßigkeit an der Realität scheitern.

Easy Money handelt von dem einfachen, nicht sehr gebildeten Menschen, ein Bewohner in den Vororten Amerikas vielleicht, mit Hund und Katze und kleinem Häuschen, dessen Welt mit der Krise zusammengebrochen ist, der vielleicht kurz davor ist, sein Haus zu verlieren, der die Zusammenhänge der Krise nicht versteht, aber überzeugt ist, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben sollten. Seine Kritik an den Bänkern und Spekulanten, die in den darauffolgenden Liedern so entscheidend wird, ist kaum spürbar, vielmehr nimmt er sich das Recht heraus, ebenso handeln zu dürfen. Und weil er nun mal selbst kein Bänker ist und nicht die Möglichkeiten der Topmanager hat, macht er es auf seine Weise: er geht auf einen bewaffneten Raubzug in die Stadt. Die Pointe von dem Lied ist dabei natürlich nicht, dass der Kerl zu dumm oder ungebildet ist, um die Zusammenhänge der Krise zu erkennen und warum er (möglicherweise) sein Häuschen im Vorort verliert, sondern dass die Arbeit der Bänker, Spekulanten und Manager mit Raubzügen gleichgesetzt wird.

Shackled and Drawn lehnt sich textlich stark an Arbeiterklasselieder im Stile von Woody Guthrie an, während die Musik aus Irish Folk, Gospel und Chain-Gang-Songs zusammengebastelt ist. Letzterer Einfluss soll musikalisch den Zwang und die Unterdrückung des einfachen Arbeiters herausstellen, der in seinem Schicksal gefangen ist. Verantwortlich werden auch hier wie so oft auf dem Album die Bänker gemacht, denen es immer noch gut geht, während die einfachen Leute leiden. Der Grundtenor ist aber ein völlig anderer. Nicht zufällig gibt es die Anspielung auf einen berühmten griechischen Mythos, dem des Sisyphos nämlich: Pick up the rock, son, and carry it on. Sisyphos soll von den Göttern als Strafe die Aufgabe bekommen haben, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen. Oben angekommen, rollt der Fels wieder herunter und er muss von vorne anfangen – bis in alle Ewigkeit. Im übertragenen Sinn nennt man heute eine sich ständig wiederholende, nie endende, nutzlose Arbeit “Sisyphos-Arbeit”. Das Lied handelt von den Menschen, die mit harter Arbeit den Wohlstand eines Landes erwirtschaften und dennoch arm bleiben, die den Felsen wieder und wieder den Hügel raufschleppen, nur um dann wieder von vorne anfangen zu müssen.

Wieso aber ist das Lied so fröhlich? Der Sisyphos-Mythos hat auch zu anderen Interpretation angeregt. Beispielsweise dazu, dass Sisyphos dadurch, dass er sein Schicksal annimmt, triumphiert. Albert Camus schloss seine Ausführungen über Sisyphos mit der berühmtgeworden, auf dem ersten Blick unsinnigen Schlussfolgerung: “Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen”.

Wem Camus zu intellektuell ist, der kann sich auch an Al Bundy halten, der auf die Feststellung der Schulbibliothekarin seiner alten Schule, er sei der Verlierer geworden, wie sie es ihm immer prophezeit hatte, haarklein aufzählt, warum sein Leben eine solche Katastrophe, dann aber doch zu der Schlussfolgerung kommt, dass er dennoch ein Sieger ist, weil er sich “trotzdem keine Kanone in den Mund” steckt. “What’s a poor boy to do but keep singing this song”, wenn einem nichts anderes geblieben ist außer einem Lied, sollte man es vielleicht einfach singen.

Mit Jack Of All Trades lernen wir einen Gelegenheitsarbeiter kennen, der symbolisch natürlich auch wieder für die Arbeiterschicht an sich steht. Bedeutenster Unterschied zu den beiden vorangegangen Liedern ist hier die erstmals aufkommende Hoffnung auf Veränderung. “We’ll start caring for each other” oder “There’a new world coming”. Gleichzeitig wird auch ein Motiv aufgenommen, das schon in Shackled & Drawn leicht anklang und vor allem in Wrecking Ball wieder aufgegriffen wird: Geschichte wiederholt sich ständig, was einmal geschehen ist, wird wieder geschehen. Darin steckt aber auch Hoffnung, denn “we stood the drought, now we’ll stand the flood”. Wir haben die Dürre überstanden, also werden wir jetzt auch die Flut überstehen.

Am Ende steht ein Satz, der wie ein Stilbruch zum übrigen Text wirkt: “If I had me a gun, I’d find the bastards and shoot’em sight”. Eben noch die Hoffnung auf das Neue, den anbrechenden Tag, die neue Welt, jetzt der Wunsch nach Selbstjustiz? Nicht wirklich, der Konjunktiv “If I had me a gun” deutet daraufhin, dass er sie eben nicht hat, womit die Bedeutung dieses Satzes wohl eher in die Richtung “Wenn ich die Möglichkeiten hätte, würde ich etwas tun (aber ich habe sie nicht)” geht. So bleibt nur das Warten auf die neue Welt.

Natürlich könnte der letzte Satz auch als Einleitung zu Death To My Hometown verstanden werden. Hier klingt tatsächlich so etwas wie Selbstjustiz an, auch durch den Soundeffekt gegen Ende des Liedes, das Durchladen und Abfeuern einer Pumpgun. Tatsächlich ruft das Lied zum Handeln auf, sich zu wehren. Hier ist kein Einzelschicksal mehr beschrieben, sondern das einer ganzen Gemeinschaft, die zerstört wurde, wie es sonst nur in Kriegen geschieht. Die Schuldigen sind auch hier dieselben, ihre Verbrechen sind ungesühnt. Es ist der Aufruf diese Ungerechtigkeit nicht hinzunehmen, sich vorzubereiten, bereit zu sein, wenn sie wieder kommen (und sie werden wiederkommen – das Motiv der sich wiederholenden Geschichte).

This Depression schließt den ersten Teil des Albums ab. Es ist ein Lied über Durchhaltewillen und Hoffnung. Im Unterschied zu den vorangegangen Liedern wird hier niemanden die Schuld für das eigene Schicksal zugewiesen. Es ist einfach nur eine Situationsbeschreibung, die mit Hoffnung endet: “Now the morning sun is breaking”. Die Metapher von der Nacht, die in den Tag übergeht, ist zweierlei: zum einen ist es wieder das Motiv der sich wiederholenden Geschichte, denn Tag und Nacht wechseln sich immer ab. Entscheidender ist aber, dass diese Zeile in den zweiten Teil des Albums überleitet, vom wütend Politischen geht es nun in das Hoffnungsvolle und Spirituelle über.

Wrecking Ball handelt von der Zerstörung und dem Wiederaufbau. Davon, dass Dinge enden müssen, um neu entstehen zu können. Der Kreislauf wird wieder angesprochen: “hard times come/and hard times go”. Es ist die Geschichte vom Werden und Vergehen. Deshalb sind auch “all die Toten hier”, was sehr beunruhigend wäre, ginge es nur um den Abriss eines Footballstadions. Es ist ein Vorgriff auf We Are Alive. Das, was vergangen ist, ist ein Teil von uns.

You’ve got it wirkt etwas deplatziert und bietet textlich auch nicht viel. Es wirkt ein bisschen wie ein Rätsel: was ist “es”? Die einfache Antwort “Liebe” ist dann aber wohl doch etwas zu einfach. Man könnte es als Metapher auf die Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann, sehen und damit als Gegenentwurf zu der globalen Geldwirtschaft. Die Erkenntnis, dass es Wichtigeres gibt als Geld.

Rocky Ground ist durchzogen von biblischen Anspielungen. Schäfer erheben sich, Sterne vergehen, vierzig Tage und Nächte von Regen, Kanaan, der Jüngste Tag, es geht um schwere Zeiten, um Gerechtigkeit, auf die vergebens gewartet wurde. Die Einordnung fällt schwer, aber die Metapher vom Schäfer, dem die Herde abhanden gekommen ist, lässt mich zumindest vermuten, dass Rocky Ground das eine Lied ist, dass von der anderen Seite aus geschrieben ist. Bänker, Manager, aber auch Politiker als Schäfer, die eines morgens ohne Herde aufwachen. Die Herde sind die einfachen Leute, die sich von ihren Führern abgewandt haben und auf dem Weg in ein gelobtes Land sind, der Refrain als das Echo dieser Menschen, das noch zu dem dringt, der glaubte, sie führen zu können oder zu müssen. Man kann es natürlich auch als Aufruf an den “Schäfer” sehen, seine Herde zusammenzurufen und ins Gelobte Land zu führen, im Kontext des Albums also eine Aufforderung an die politischen Führer, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Land of Hope and Dreams wechselt dann unmittelbar zu den Menschen, die in Rocky Ground verschwunden sind. Dass das Land der Hoffnung und Träume an biblische Mythen vom Gelobten Land erinnert, war schon früher deutlich. Durch den Tod Clarence Clemons wird das aber jetzt noch konkreter. Früher konnte man es als Metapher auf Freundschaft, Gemeinschaft und dem Leben an sich sehen, jetzt ist es auch ganz konkret eine spirituelle Reise geworden, das gemeinsame Schicksal aller Lebenden und Toten. Im Kontext des Albums funktioniert es gleichzeitig trotzdem noch, ist es doch auch das Versprechen einer besseren Welt, die anbricht, wenn “all this darkness past”.

We Are Alive greift als Abschluss des regulären Albums noch einmal das Motiv der sich wiederholende Geschichte auf. Wrecking Ball handelte von der Zerstörung, We Are Alive von der Auferstehung. Was in Wrecking Ball unerklärt als “Tonight all the dead are here” im Raum stehen blieb, wird hier aufgelöst: die Toten und ihr Schicksal sind immer bei uns. Sie sprechen zu uns, wenn wir zuhören, erzählen davon, dass der Tod nur eine Illusion ist.

Geht es hier noch um die Bankenkrise und das Schicksal des einfachen Mannes? Nein, in der zweiten Hälfte entwickelt sich das Album zu etwas sehr viel tieferen, subtileren, beständigerem. Von der stetigen Hoffnung auf eine bessere Welt.

Darf Swallowed Up als Bonus Track zum Album zählen? Es scheint zumindest an dieser Stelle nicht ganz passend. Auf das Album passt es aber sehr wohl.

Zunächst spielt es eindeutig auf das Buch Jona an. Jona wird nach einem Sturm von der Mannschaft des Schiffes als Schuldiger entlarvt, weil er den Zorn Gottes hervorgerufen hat. Jona wird über Bord geworfen und von einem Wal verschlungen. Nach drei Tagen Betens wird er wieder ausgespien.

Interessant sind bei dem Lied nun zwei Dinge: zum einen, dass es größtenteils im Plural geschrieben ist: We’ve been swallowed up. Es ist also keinesfalls einfach nur eine musikalische Umsetzung einer biblischen Geschichte. Das zweite ist, dass wer immer auch “wir” sind, nicht ausgespien werden, sondern im Walbauch bleiben. Es ist ein Lied über Hoffnungslosigkeit und dem Vergessen, das genaue Gegenteil von We Are Alive. Es würde also eher in die erste Hälfte des Albums passen und wahrscheinlich ist es deshalb ein Bonus Track, es hätte das Gleichgewicht von politischen und spirituellen Liedern gestört. Was schade ist, denn die Atmosphäre des Liedes ist großartig.

American Land passt dagegen ans Ende. Denn so wie We Take Care Of Our Own als Einleitung funktioniert, funktioniert American Land als Epilog. Es geht nicht einfach nur um Amerika als irgendeine x-beliebige Nation mit idealistischen Werten, die an der Realität scheitern, es streicht vor allem heraus, dass die Ideale von Amerika aus allen Völkern der Welt bestehen, es ist das Versprechen, dass es eine bessere Welt geben kann und es ist der Aufruf an jeden Menschen, sich ein Zuhause zu erschaffen, in dem es sich zu leben lohnt.

Ragman, 2. März 2012

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